Wir sind nicht mehr das Pferd, sondern der Jockey

KI-Jockey

Von außen betrachtet wirkt ein Pferderennen wie ein Wettkampf zwischen Pferden. Das Pferd hat die Muskeln und den Instinkt. Der Jockey dagegen erscheint wie ein winziger Passagier in einem bunten Trikot.

Wenn das Pferd die ganze Arbeit macht, wofür wird der Jockey dann eigentlich bezahlt? Im Kern ist das dieselbe Frage, die gerade Millionen Beschäftigte umtreibt: Welche Rolle bleibt für den Menschen, wenn KI immer mehr Aufgaben übernimmt?

In vielen Unternehmen wird die Arbeit vorerst pragmatisch aufgeteilt. Die KI erledigt, was sie zuverlässig beherrscht. Der Mensch kümmert sich um den Rest. Diese Grenze wird sich weiter verschieben. Was heute Erfahrung verlangt, kann in einigen Jahren längst Maschinenroutine sein.

Für Entwickler und Designer führt der Weg deshalb in eine neue Rolle. Sie werden zu KI-Jockeys.

Das Pferd wartet nicht auf ein Briefing

KI erzeugt Code und Entwürfe schneller, als Menschen sie prüfen können. Innerhalb weniger Minuten steht ein Prototyp samt Tests. Auf Wunsch liefert die Maschine auch zwölf Startseiten, wobei sie vermutlich erst bei der elften auf den Farbverlauf verzichtet.

Dieses Tempo ist verführerisch. Es führt aber leicht dazu, dass die Umsetzung beginnt, während das eigentliche Problem noch im Nebel liegt. Dann entstehen dreitausend Zeilen sauber formatierter Irrtum oder eine elegante Oberfläche für eine Funktion, die niemand braucht.

Der Jockey wird nicht fürs Laufen bezahlt. Er sorgt dafür, dass die Kraft des Pferdes an der richtigen Stelle zum Einsatz kommt. Entwickler und Designer müssen herausfinden, welches Problem eine Lösung verdient. Dazu gehört ein klares Bild der Menschen, die später mit dem Ergebnis leben sollen.

Auf der Rennbahn liegt noch ein altes Excel-Makro

Digitale Produkte entstehen selten auf der grünen Wiese. Unter der Oberfläche liegen gewachsene Systeme und frühere Entscheidungen. Manche davon sind vernünftig, andere nur historisch gut abgehangen. Nicht jeden Zaun sollte man einreißen, er steht oft aus einem bestimmten Grund.

Die KI kennt diese Geschichte nicht von selbst. Eine technisch elegante Änderung kann einen wichtigen Kunden treffen. Eine aufgeräumte Navigation kann Nutzern genau jene Abkürzung nehmen, auf die sie sich seit Jahren verlassen. Selbst die hässliche Übergangslösung hat womöglich einen guten Grund überlebt.

Die Wirtschaft fährt weiter Regionalbahn

Während die KI im Galopp produziert, bewegt sich die reale Wirtschaft in einem anderen Tempo. Kunden müssen eine Neuerung verstehen. Mitarbeiter müssen ihre Arbeitsweise ändern. Budgets werden weiterhin in Meetings verteilt, deren Geschwindigkeit seit der Erfindung des Beamers kaum zugenommen hat.

Gerade bei schwindelerregendem Tempo wächst die Gefahr, den Blick für die Wirklichkeit zu verlieren. Die Aufgabe von Entwicklern und Designern rückt damit näher an die des Product Owners: Sie müssen auswählen, priorisieren und den Bezug zum tatsächlichen Bedarf halten. Sonst gewinnt das Pferd ein Rennen, das gar nicht stattfindet.

Auch der Jockey ist kein Naturgesetz

Zumindest in den nächsten Jahren werden Menschen diese Jockey-Rolle übernehmen. Aber auch Planung und Prüfung dürften stärker automatisiert werden.

Vielleicht bleibt selbst das Pferd nicht lange ein Pferd. Die Maschinen wachsen  gerade zum Drachen heran. Sie erreichen Gegenden, die bisher außer Reichweite lagen, und können dabei versehentlich ein Dorf anzünden.

Unsere Aufgabe besteht vorerst darin, im Sattel zu bleiben. Bei einem Drachen ist schon das eine anspruchsvolle Stellenbeschreibung.