Der KI-Akzent ist meh
ChatGPT, Claude und Copilot schreiben inzwischen erstaunlich gute Texte: sauber, verständlich, ordentlich gebaut. Genau darin liegt inzwischen ein Teil des Problems, denn nach einigen Überarbeitungsrunden beginnt vieles auf eine eigentümliche Weise ähnlich zu klingen. Der erste Entwurf mag noch eine kleine Unwucht haben, einen zu langen Satz, eine unerwartete Wendung. Dann wird präzisiert, geglättet, gekürzt und besser strukturiert. Am Ende ist der Text komplett glattgebügelt. Und klingt nach Chatbot.
Man erkennt es selten an einzelnen Wörtern, auch wenn bestimmte Formulierungen natürlich verdächtig geworden sind. Man sieht die KI in den Bewegungsmustern des Textes, in ähnlichen Satzlängen, in vorsichtigen Einschränkungen, in Übergängen, die sichtbar vor sich hertragen, dass nun ein Übergang kommt. Der Text erklärt seinen Gegenstand und kommentiert dabei fortlaufend die eigene Argumentation, als müsste jeder Gedanke erst angemeldet werden, bevor er den Raum betreten darf. Der KI-Akzent tritt mit jedem Prompt deutlicher hervor, er spiegelt einfach wider, wie die Sprachmodelle denken. Mit jedem Arbeitsschritt sickert die Grundprogrammierung durch.
Wir nennen es den KI-Akzent
Besonders auffällig ist die Stromlinienförmigkeit. Menschliche Texte verändern ihre Geschwindigkeit. Ein Satz nimmt Anlauf, trägt einen Nebengedanken mit sich und landet erst spät. Heute ein abstrakter Gedanke, morgen eine konkrete Beobachtung. Sprachmodelle glätten solche Unterschiede gern zu einer verlässlichen mittleren Temperatur. These, Gegenthese, Synthese. Das ist ganz logisch, das liest sich angenehm, bis man merkt, das die Floskeldichte zunimmt.
Die Bots lieben Staccato. Kurze Sätze. Parallele Formulierungen. Kleine Dreiergruppen. Den Hang, aus jeder Beobachtung drei Punkte, vier Learnings und fünf Handlungsempfehlungen zu machen. Bei zwei von drei Beiträgen ist es sonnenklar: Hier schreibt die KI mit.
Hinzu kommt die sichtbare Struktur. KI-Texte kündigen ihre Bewegungen gern an, bevor sie sie vollziehen. Sie teilen ein, ordnen vor, fassen zusammen und reichen dem Leser an jeder gedanklichen Stufe noch einmal die Hand. Das kann hilfreich sein, doch irgendwann bleibt das Baugerüst stehen, obwohl das Haus längst fertig ist. Man sieht dann nicht mehr nur den Gedanken, sondern vor allem die Text-Schablone. Aber Schablone ist Rauschen, kein Signal.
Der KI-Akzent ist nicht immer die beste Wahl
Aus dem Schreiben ist die künstliche Intelligenz nicht mehr wegzudenken. Sie hilft beim Entwerfen, Ordnen, Variieren und Kürzen. Nur muss nicht jeder Text zur Checkliste erstarren. Wer dem immergleichen Stichpunkt-Staccato entkommen will, sollte sich genauer fragen, welche Stimme ein Text eigentlich haben soll: Wie viel Energie, wie viel Reibung, wie viel Nähe, wie viel Unordnung darf darin vorkommen? Erst dann beginnt die eigentliche Arbeit am Stil.
Wir beraten genau in diesen Stilfragen.
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