Authentisch texten, oder: Hat die KI uns den Stil versaut?
Neulich hatte man noch Angst vor schlechten Texten; nun aber hat sich die Sache auf eine Weise verdreht, die fast schon wieder komisch ist, denn plötzlich haben ausgerechnet die guten, geschniegelt dastehenden Sätze ein Problem. Sauber formuliert? Verdächtig. Kein Tippfehler? Aha. Stichpunkte? Alles klar.
Denkt da noch ein Mensch? Das Shibboleth der Gegenwart ist womöglich die leichte Unordnung. Ein fehlendes Komma als Echtheitszertifikat. Eine schiefe Metapher als Personalausweis.
Authentisch oder makellos?
Dass wir plötzlich so kritisch sind mit unseren Texten, ist schon eine hübsche Zeiterscheinung. Unser Credo war doch immer: klar schreiben, ordentlich schreiben, verständlich schreiben. Jetzt führt genau das bei manchen direkt zum Maschinenverdacht. Das New York Magazine hat gerade beschrieben, wie präzise, kontrollierte Prosa plötzlich als “typisch KI” gilt. Eine Stanford-Studie entdeckte, dass Texte von Nichtmuttersprachlern besonders häufig als KI markiert werden.
Andersherum erkennt man KI Texte. Jedenfalls oft. Der Akzent sitzt nicht nur in Formulierungen die „etwas zu perfekt“ klingen oder in dieser etwas zu perfekten (!) Freundlichkeit. Er sitzt im Aufbau der Absätze, in der Reihung der Gedanken, in jener geschäftigen Neigung, ständig hin- und herzukurven, und gleichzeitig alles mit Leitplanken zu versehen, als fürchte der Text selbst, ohne fortwährende Aufsicht aus der Spur zu geraten. Der KI-Stil ist gut für Protokolle und Zusammenfassungen und schlecht für Liebesbriefe. Texte, die jegliche Einordnung gleich mitliefern. Sehr ordentlich. Sehr hilfreich. Sehr verdächtig.
Das Komische ist: Genau diesen Stil übernehmen Menschen längst. Wer den ganzen Tag mit Sprachmodellen, Präsentationen, Pitches, LinkedIn und sonstigem Verwertungszirkus hantiert, schreibt irgendwann selbst in diesem Ton. Das ist die eigentliche Pointe: die Maschine imitiert den Büroton, und der Büroton, kaum dass er sich versieht, imitiert zurück. Wir sprechen, ohne es recht zu merken, längst ein wenig GPT. Und wenn ein Absatz glatt klingt, muss er nicht von einer Maschine stammen. Es kann ebenso gut ein Mensch gewesen sein, der zu lange mit Maschinen gesprochen hat und nun, ohne bösen Willen, im selben Rhythmus denkt.
Der Akzent der Maschine
Kann man diesen Stil herausprompten? Ein wenig. Die auffälligsten Signale lassen sich entfernen, Scharniere und Parallelismen abschleifen, ein bisschen Jazz in den Rhythmus bringen. Aber das geht nur begrenzt und schon gar nicht schnell.
Vor fünf Jahren war selbst zu schreiben noch der Normalfall, besser waren die Texte darum nicht automatisch. Der Unterschied zwischen guten und schlechten Texten liegt heute gar nicht in der Frage ob der Text mit oder ohne KI hergestellt wurde, sondern wieviel Mühe und KnowHow darauf verwendet wurde, ihn zu lesen und den KI-Akzent zu entfernen.